Gelernt und Vergessen – Ebbinghaus klärt auf

800px-Vergessenskurve
Vergessenskurve, © Rdb, Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Kennt ihr das auch? Ihr hört gerade Musik und euch fällt auf, dass ihr ganze Songtexte von vor 15 Jahren auswendig mitsingen könnt. Ihr sitzt auf dem Sofa und könnt ganze Passagen eurer Lieblingsfilme mitsprechen. Ihr kommt abends nach Hause und überlegt was jetzt eigentlich in den Vorlesungen des Tages dran kam. Und ihr erinnert euch nicht mehr an alles! Eine Woche später könnt ihr kaum noch sagen, was der Professor erzählt hat. Wie kann es sein, dass man schon eine Stunde nach einer Vorlesung die Hälfte des Stoffs vergessen hat? Leider werden die meisten von uns am Ende des Tages aber nicht für das Vorsingen der Lieblingssongs bezahlt. Warum bleibt also das eine länger im Gedächtnis als das andere?

Die Antwort dafür brachte ein Mann schon vor 130 Jahren. Viele Forscher haben auf seinen Ergebnissen aufgebaut. Hier ist die Geschichte des Mannes, der sich dem Mechanismus des Vergessens widmete.

Vergessenskurve nach Ebbinghaus

Vergangene Zeit Anteil des Gelernten im Gedächtnis
20 Minuten 60%
60 Minuten 45%
24 Stunden 34%
6 Tage 23%
dauerhaft 15%

Der Psychologe Herrmann Ebbinghaus führte 1885 eine Studie durch um die Zeiträume zu ergründen, nach denen wir Inhalte vergessen. Diese Studie brachte hervor, dass wir bereits nach 20 Minuten 40% des Gelernten wieder vergessen haben. Mit zunehmender Zeit vergisst man natürlich immer mehr, jedoch lässt das Vergessen mit der Zeit nach. So können wir uns nach einer Stunde zumindest noch an 45% des Erlernten erinnern. Nach einem Tag bleibt nur noch ein Drittel hängen und nach einer Woche sind weniger als ein Viertel des Gelernten bekannt.  Herr Ebbinghaus hat dies durch Selbstversuche herausgefunden, indem er inhaltslose Wörter und Sätze auswendig lernte. Dazu gehörten Silben wie „bap“, „lue“ oder „kop“. Nach einer bestimmten Frist versuchte er dieses Erlernte wiederzugeben. Schon nach kurzer Zeit fiel ihm auf, dass er sich nur noch an einen Bruchteil dessen korrekt erinnern konnte.

Hier erntet er jedoch auch Kritik, da seine Studien nur auf das Lernen zusammenhangloser Begriffe ausgelegt waren. Generell lässt sich sagen, dass gängige Wortzusammensetzungen besser im Gedächtnis verbleiben als zufällig zusammengesetzte Silben. So kam eine andere Studie von Christian Michel und Felix Novak zu dem Ergebnis, dass Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten nach 30 Tagen erst zu 5% vergessen sind. Gedichte und Prosa bleiben zu 50% bzw. 40% im Gedächtnis. Trotz der an Ebbinghaus verrichteten Kritik sind seine Forschungen immer noch absolute Grundlagen in der Gedächtnisforschung. Somit wird er auch als ein Pionier auf diesem Gebiet angesehen.

Einige Faktoren mildern die Steigung der Vergessenskurve ab. Dazu gehören der thematische Kontext, Fähigkeiten, Talent und Interesse sowie der Lernkontext. Effektiv gegen das Vergessen sind diese jedoch alle nicht.

Wege effektiver zu lernen

Was hilft nun tatsächlich dabei erlernte Sachverhalte länger im Gedächtnis zu behalten? Durch vermehrtes Gedächtnistraining lässt sich gegen zu starkes Vergessen ankämpfen.

Generell bleiben Lernstoffe besser hängen, wenn sie klar und prägnant sind. Sind die Lerninhalte zu umfangreich verlieren wir den Überblick und können uns Zusammenhänge und Details schwerer merken. Auch das sog. „Mindmapping“, das von Tony Buzan entwickelt wurde, hilft dabei Erlerntes länger im Gedächtnis zu behalten. Dabei sollen im Lernprozess die Gehirnhälften miteinander verbunden werden. Dies geschieht besonders gut, wenn durch Kennwörter, Farben und Bilder eine visuelle Unterstützung stattfindet.

Die beste Form erlernte Stoffe dauerhaft zu behalten, besteht aber darin diese ständig zu wiederholen. Denn die Wiederholung ist die Mutter des Studierens. Durch ständiges Üben bleiben die Nervenverbindungen im Gehirn dauerhaft bestehen. Die Vergessenskurve wird durch das ständige Verknüpfen und Üben somit positiv beeinflusst. Die Wiederholung ermöglicht es die Lerninhalte ins Langzeitgedächtnis zu bringen.

Doch aufgepasst: Wiederholen ist nicht gleich wiederholen! Mit massierten Wiederholungen im Anschluss an eine Lernphase können wir die Vergessenskurve nicht überlisten. Wer sich also erst kurz vor Klausuren und Prüfungen hinsetzt und alle Stoffe dauerhaft wiederholt, erzielt keinen langfristigen Lernerfolg. Besser ist es einen Stoff so zu lernen, dass wir ihn gerade beherrschen. Danach legt man ihn am besten zur Seite. Nach geeigneter Zeit wird das Erlernte wieder hervorgeholt um es wieder auf das 100%-Niveau zu bringen. Führt man diese Schritte mehrmals durch verflacht sich die Vergessenskurve und das Erlernte bleibt länger im Gedächtnis. Eine gute Methode Lernstoffe durch häufiges Wiederholen besser ins Gedächtnis zu bringen, sind Karteikarten.

Keine Angst vor dem Vergessen

Das Vergessen wichtiger Lernstoffe ist ein wichtiges Thema für jeden Menschen. Dabei steht nicht nur das Bestehen der Klausur im Vordergrund, sondern geht auch darüber hinaus. Bleiben wichtige Lerninhalte dauerhaft in unserem Gedächtnis, haben wir es auch im Beruf mal leichter. Macht euch also keine allzu großen Gedanken darüber warum Songtexte besser bei uns haften bleiben als die letzte Vorlesung. Es hängt alles nur an der Wiederholung. Geht man einen Stoff oft genug durch, bleiben die Inhalte auch über die Klausur hinaus hängen. Schluss also mit „Bulimie-Lernen“ und „Procrastinating“! Der Weg zum Erfolg führt über ständiges Wiederholen mit angemessenen Pausen dazwischen.

Und zum Schluss könnt ihr euer eigenes Experiment durchführen. Versucht in einer Stunde nochmal die Inhalte dieses Artikels wieder zu geben. Ihr kriegt es nicht mehr 100% zusammen? Kein Problem! Der Artikel ist hier im Blog schließlich noch lange abrufbar.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.