Gedächtnispalast

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Gedächtnispalast

Wir betreten ein großes Gebäude. Nach dem Flur gehen wir direkt in das erste Zimmer rechts von uns. Dort sehen wir in drei Reihen jeweils sieben, acht und neun Franzosen mit Baskenmützen und Baguette, die miteinander kämpfen. Durch dieses auf den ersten Blick abstruse Bild, erinnern wir uns, dass die Französische Revolution 1789 begann. So funktioniert beispielhaft die fortgeschrittene Mnemotechnik namens Gedächtnis- oder Gedankenpalast. Eine Methode zum Abspeichern und Abrufen von Informationen. Eine Methode zum Auswendiglernen und zum Trainieren des Gedächtnisses. Wie das Konzept des Gedächtnispalasts funktioniert, erfahrt ihr hier.

Die Technik sich bestimmte Informationen zu merken, indem man sie mit bestimmten Orten verknüpft ist nicht neu. Bereits die Rhetoriker im antiken Griechenland und Rom haben sich der Routen-Methode bedient um lange Reden flüssig aus dem Gedächtnis abrufen zu können. Dabei erstellten sie geistig eine Route, an deren markanten Orten Schlüsselworte verknüpft wurden.

Loci-Methode

Diese sogenannte Loci-Methode bildet den Ursprung und die Basis des Gedächtnispalasts. Dabei werden Orte und Objekte mit Lerninhalten verknüpft. Man sucht sich eine reale Route aus oder erstellt eine in seinem Kopf. Muss man die Informationen dann abrufen, geht man diese Route im Geist ab und stellt die Verbindung zwischen Ort und Inhalt her. Somit lassen sich Informationen besser merken.

Die Methode des Gedächtnispalasts arbeitet ähnlich, nur dass man hierbei nun keine Route festlegt, sondern sich ein Konstrukt in Gebäudeform festigt, das dann mit passenden Informationen gefüllt wird. Somit kann der Gedächtnispalast als eine Weiterentwicklung der Loci-Methode betrachtet werden.

Einen Palast bauen

Ein geistiges Konstrukt angefüllt mit Informationen zu erstellen, stellt eine fortgeschrittene Form der Gedächtnistechnik dar, weshalb man sich erst daran gewöhnen muss. Außerdem ist eine gute Vorstellungskraft dafür von Nöten. Am Anfang empfiehlt es sich nicht direkt mit einem Palast, sondern mit etwas Kleinerem zu beginnen. Dabei kann jedes erdenkliche Konstrukt verwendet werden: ein Haus, eine Garage, eine Hütte im Wald etc. In dem Gebäude gibt es dann verschiedene Plätze oder auch Loci, an denen das Wissen abgelegt werden kann. Um dies tun zu können, müssen die Lerninhalte vorher verbildlicht werden. Die Informationen werden dann assoziativ mit dem Ort, an dem sie „gelagert“ sind, verknüpft. Um es sich besser zu merken sind besonders lebhafte und emotionale Bilder von Vorteil. Genau wie bei anderen Lerntechniken sollten die abgelegten Informationen öfters wiederholt werden, also der Gedächtnispalast öfters besucht werden. Ist dies getan, kann das Gebäude stetig erweitert werden, sodass es mit der Zeit von allein zu einem Palast wächst.

Ihr könnt euch darunter noch nichts genaues vorstellen? Kein Problem, an einem kleinen Beispiel wird es deutlicher. Ihr lernt für eine Juraprüfung und baut euch deshalb ein Haus. An der Vordertür prangt ein großes eingeschnitztes Paragraphen-Zeichen (§), damit ihr wisst: Hier geht es um Recht. Für das Strafrecht konstruiert ihr ein Zimmer mit einer großen Zelle mit Eisengittern mitten im Raum. Hier legt ihr dann alle möglichen Details für das Strafrecht ab. Ein anderes Zimmer beinhaltet Elemente des Steuerrechts, und darin sitzt Angela Merkel und badet wie Dagobert Duck in den Steuergeldern. Sind die Bilder abstrus, lassen sie sich tendenziell besser merken.

Diese Mnemotechnik eignet sich also hervorragend für das Speichern und Abrufen von Informationen, die in einem linearen Rahmen angesiedelt sind und sich gut verbildlichen lassen. Für andere, etwas komplexere Gedankenspiele und Wissensgebiete könnte es weniger hilfreich sein. Trotzdem ist der Gedankenpalast, gesehen als eine enorme Eselsbrücke, ein Bild für das bewusst gelernte Faktenwissen. Wenn man das Gebäude bewusst entstehen lässt und sich mehrfach vor Augen führt, lassen sich gelernte Inhalte leicht verinnerlichen.

Referenzen in der Popkultur

Der Gedächtnispalast existiert nicht nur als spröde Theorie, sondern fand bereits prominente Erwähnung in der heutigen Popkultur. Das berühmteste Beispiel liefert dabei die fiktive Figur des Detektivs Sherlock Holmes. Sein Schöpfer Arthur Conan Doyle beschrieb die Technik des Gedächtnispalastes bei Holmes, der sich dadurch enorm viele Informationen speichern konnte. Auch in der modernen TV-Serie mit Benedict Cumberbatch wird das Prinzip des Gedächtnispalasts visualisiert. Eine andere bekannte Romanfigur, die diese Gedächtnistechnik anwendet, ist der von Thomas Harris erfundene Therapeut Dr. Hannibal Lecter. Dieser nutzt in den Romanvorlagen den Gedankenpalast neben der Gedächtnisfunktion auch zur Entspannung und zur Überbrückung eintöniger Zeiten, wie z.B. eines langen Fluges.

Die Methode des Gedächtnispalastes ist keine einfache Technik, doch mit Übung kann sie zu einem sehr hilfreichen Instrument zum Abrufen von Informationen werden. Zudem fördert es durch Phantasie und Vorstellungskraft die Hirnleistung an sich. Hat man einmal ein funktionierendes Konstrukt erschaffen, sind die Erweiterungsmöglichkeiten schier grenzenlos.

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